Erklärvideo selber machen: Der komplette Leitfaden für professionelle DIY-Videos 2025

Mein Kollege ruft mich letzte Woche an: „Alex, ich brauch schnell ein Erklärvideo für unser neues Tool – aber das Budget ist schon aufgebraucht.“ Kennst du das? Da sitzt du mit einer genialen Idee, einem wichtigen Produkt oder einer Dienstleistung, die erklärt werden muss, aber die Agentur-Preise lassen dich schlucken. 15.000 Euro für drei Minuten Animation? Nee, danke.

Aber hier die gute Nachricht: Du kannst das auch selbst. Wirklich. Und nein, du musst kein Technik-Genie sein oder jahrelang Animationssoftware studieren. Was du brauchst, ist die richtige Herangehensweise, ein paar clevere Tools und – das ist wichtig – eine Portion Mut zur Imperfektion. Denn mal ehrlich: Ein authentisches, selbstgemachtes Video mit echtem Mehrwert schlägt oft die perfekt gepolierte Agentur-Produktion.

Lass uns gemeinsam durchgehen, wie du von der ersten Idee bis zum fertigen Erklärvideo kommst – ohne dabei bankrott zu gehen oder den Verstand zu verlieren.

Von der Idee zum Storyboard: Die Planungsphase

Der größte Fehler, den ich bei DIY-Videos sehe? Leute springen direkt in die Software und basteln drauflos. Versteh mich nicht falsch – Experimentieren ist gut. Aber ohne Plan wird aus deinem Erklärvideo schnell ein chaotisches Durcheinander aus hübschen Animationen ohne klare Botschaft.

Fang mit der Kernfrage an: Was soll dein Zuschauer nach dem Video können oder verstehen? Nicht was du alles zeigen willst, sondern was bei ihm hängenbleiben soll. Ein Beispiel: Statt „Ich erkläre alle Features unserer Software“ lieber „Nach dem Video kann der Kunde selbst entscheiden, ob unser Tool seine drei größten Probleme löst.“

Das Storyboard ist dein Rettungsanker. Muss nicht perfekt sein – ein paar Strichmännchen auf Papier reichen völlig. Ich male immer erst mit einem dicken Marker die Grundidee auf – dann kann ich gar nicht ins Detail-Chaos abrutschen. Jeder Frame sollte eine klare Funktion haben: Problem zeigen, Lösung erklären, Nutzen verdeutlichen.

Eine Faustregel, die mir oft hilft: Pro Minute Video planst du etwa 150-200 gesprochene Wörter. Das ist weniger, als du denkst. Viel weniger. Also: Knackig werden, auf den Punkt kommen.

Die richtigen Tools für Einsteiger

Hier wird’s interessant. Du hast grundsätzlich drei Wege: Die kostenlose Schiene, den goldenen Mittelweg oder die Premium-Variante für Leute, die’s ernst meinen.

Kostenfrei starten: Canva Video ist mein Geheimtipp für absolute Beginner. Drag-and-Drop, fertige Templates, und du kannst sofort loslegen. Ist nicht ultra-flexibel, aber für die ersten Gehversuche völlig ausreichend. Loom für Screencasts ist ebenfalls gratis und unschlagbar einfach. OpenShot oder DaVinci Resolve sind mächtige kostenlose Videobearbeitungstools – haben aber eine steile Lernkurve.

Der Mittelweg: Hier glänzt Vyond oder Animaker. Monatliche Abo-Kosten um die 50-80 Euro, aber dafür kriegst du professionelle Vorlagen, Charaktere und Animationen. Powtoon ist auch eine solide Wahl. Adobe Creative Suite ist natürlich der Ferrari unter den Tools, aber ehrlich? Für die meisten völlig überdimensioniert.

Profi-Niveau: After Effects, wenn du bereit bist, Zeit zu investieren. Blender für 3D – kostenlos, aber komplex wie ein Raumschiff. Nur zu empfehlen, wenn du langfristig richtig gute Videos produzieren willst.

Apropos – mein persönlicher Tipp: Fang klein an. Teste erst mit Canva oder einem ähnlich einfachen Tool, ob dir das Erstellen überhaupt Spaß macht. Dann kannst du immer noch upgraden.

Animation ohne Kopfschmerzen

Das Geheimnis guter DIY-Animation? Weniger ist mehr. Das Leibniz-IWM zeigt in aktuellen Forschungsprojekten, dass gezielte visuelle Hervorhebungen und klare Segmentierung die kognitive Belastung senken und das Verständnis fördern. Vergiss komplexe 3D-Welten oder aufwendige Charakteranimationen. Konzentrier dich auf klare, einfache Bewegungen, die deine Botschaft unterstützen.

Meine Top-Techniken für Einsteiger: Kinetische Typografie – Text, der sich bewegt, erscheint und verschwindet. Simpel, aber effektiv. Icon-Animationen – ein Symbol, das sich dreht, größer wird oder einschwebt. Slide-Übergänge – Inhalte schieben sich von der Seite ins Bild. Zoom-Effekte – fokussiert die Aufmerksamkeit auf wichtige Details.

Ein Trick, der immer funktioniert: Arbeite mit Layern. Hintergrund statisch, Text kommt dazu, Icon springt rein, nächster Text ersetzt den alten. Diese Schritt-für-Schritt-Enthüllung hält die Aufmerksamkeit und macht komplexe Themen verdaulicher.

Timing ist alles. Als Faustregel: Lass jedem Element Zeit zum Wirken. Ein Text, der für eine Sekunde aufblinkt, kann niemand lesen. Andererseits: Fünf Sekunden für ein simples Icon sind eine Ewigkeit. Teste es, lass andere draufschauen.

Storytelling – der Unterschied zwischen langweilig und fesselnd

Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Du kannst die beste Animation der Welt haben – ohne Story ist’s nur hübsche Dekoration.

Das funktioniert fast immer: Problem → Lösung → Nutzen. Aber nicht als trockene Aufzählung, sondern als kleine Geschichte. „Kennst du das? Du sitzt vor Excel, versuchst deine Zahlen zu sortieren, und nach zwei Stunden hast du… noch mehr Chaos. Was, wenn ich dir sage, dass es einen Weg gibt, wie das in fünf Minuten erledigt ist?“

Der Spannungsbogen: Anfangs ein Problem oder eine Frage, die neugierig macht. Dann die Reise zur Lösung – mit kleinen Aha-Momenten zwischendurch. Am Ende das befriedigende Gefühl: „Ach so geht das!“

Ein Storytelling-Trick, den ich von Netflix geklaut habe: Der Cliffhanger. „Aber das ist noch nicht alles…“ oder „Hier wird’s richtig interessant…“ Klingt cheesy? Funktioniert trotzdem.

Sprecher und Ton – unterschätz das nicht

Oh Mann, wie oft hab ich schon perfekt animierte Videos gesehen, die durch miesen Sound total ruiniert wurden. Wenn dein Mikro klingt wie ein Wasserkocher, hilft auch die beste Animation nichts.

Die Grundausrüstung: Ein ordentliches USB-Mikro kostet 50-100 Euro und macht einen riesigen Unterschied. Audio-Technica, Blue Yeti, Rode – alles solide Marken. Wenn das Budget knapp ist: Das Mikro deines Smartphones ist oft besser als das eingebaute Laptop-Ding.

Die Aufnahme-Umgebung: Keine Sorge, du brauchst kein Tonstudio. Ein Schrank voller Klamotten dämpft den Hall besser als jeder teure Schaumstoff. Oder nimm ein Handtuch über den Kopf – sieht bekloppt aus, funktioniert aber.

Sprechtempo: Langsamer als du denkst. Ich spreche in Erklärvideos bewusst 20% langsamer als normal. Pausen sind deine Freunde – sie geben dem Gehirn Zeit zum Verarbeiten.

Und falls du mit deiner eigenen Stimme haderstst: Lass andere sprechen. Fiverr, Upwork oder einfach Freunde fragen. Manchmal ist der Kollege mit der entspannten Radiostimme nur einen Kaffee entfernt.

Visuelle Stile für DIY-Videos

Du hast die Qual der Wahl – aber keine Panik, nicht alle Stile sind gleich anfängerfreundlich.

Whiteboard-Animation ist der Klassiker. Sieht aus, als würde jemand live zeichnen. Tools wie VideoScribe machen das zum Kinderspiel. Funktioniert besonders gut für Prozesse und Schritt-für-Schritt-Anleitungen.

2D-Animation ist vielseitig und mit Tools wie Vyond gut machbar. Charaktere, Hintergründe, einfache Bewegungen. Perfekt für Geschichten mit Menschen.

Screencast ist unschlagbar für Software-Demos. Bildschirm aufnehmen, Voice-over drüber, fertig. Sieht weniger fancy aus, ist aber oft das Effektivste.

3D-Animation sieht beeindruckend aus, ist aber nichts für Einsteiger. Es sei denn, du hast Monate Zeit und eine Leidenschaft für komplexe Software.

Ein Mix funktioniert oft am besten. Ich starte gerne mit einer 2D-Szene für den Kontext, wechsle dann zu Screencasts für Details und beende mit einem animierten Call-to-Action.

Hier ein kleiner Reality-Check aus meiner Erfahrung: Die aufwendigste Animation ist nicht automatisch die beste. Manchmal erklärt ein simpler Screencast mit guten Pfeilen und Hervorhebungen mehr als eine aufwendige 3D-Produktion.

Text, Bilder, Icons – das richtige Maß finden

Weniger ist mehr – das predige ich ständig, aber es stimmt einfach. Ein überladenes Video ist wie ein Gespräch, wo alle gleichzeitig reden. Chaos.

Die 6-Wörter-Regel: Pro Texteinblendung maximal sechs Wörter. Mehr schafft das Gehirn parallel zum gesprochenen Text nicht. Wichtige Begriffe kannst du hervorheben – durch Farbe, Größe oder Animation.

Icons statt Textwüsten: Ein gut gewähltes Symbol sagt oft mehr als ein ganzer Absatz. Flaticon, Noun Project oder die integrierten Icon-Bibliotheken deiner Software sind Goldgruben. Achte nur auf einheitlichen Stil – nicht fünf verschiedene Zeichenstile in einem Video mischen.

Der Weißraum-Trick: Lass Bereiche leer. Dein Video muss nicht jeden Pixel füllen. Weißraum (oder negativer Raum) lenkt die Aufmerksamkeit auf das Wichtige und lässt das Auge entspannen.

Farbpsychologie basics: Rot für Probleme oder wichtige Warnungen, Grün für Lösungen und positive Ergebnisse, Blau für Vertrauen und Technologie. Klingt simpel, funktioniert aber.

Kurz, knackig, informativ – die Kunst des Weglassens

Hier der härteste Teil: kürzen, kürzen, kürzen. Dein erstes Skript wird zu lang sein. Garantiert. Ich kenne niemanden, der beim ersten Versuch die richtige Länge trifft.

Die 90-Sekunden-Regel: Für die meisten Themen reichen 90 Sekunden. Alles darüber hinaus verliert Zuschauer. Es gibt Ausnahmen – komplexe B2B-Themen dürfen auch mal drei Minuten dauern. Aber die meisten Social-Media-Formate performen unter zwei Minuten besser.

Der Elevator-Pitch-Test: Kannst du deine Botschaft in 30 Sekunden erklären? Falls ja, hast du den Kern gefunden. Falls nein, ist dein Thema wahrscheinlich noch zu breit oder zu komplex.

Storytelling-Hacks für Kürze: In medias res starten – mitten in der Action, nicht mit langweiliger Vorgeschichte. Den Kontext nebenher erklären, nicht vorweg. Und der wichtigste Trick: Lass den Zuschauer Schlüsse selbst ziehen. „Wie du siehst…“ kannst du oft einfach weglassen.

Plattform-Anpassung ohne Mehrfachproduktion

Smart arbeiten, nicht hart arbeiten. Ein Video für alle Kanäle zu optimieren ist möglich – wenn du von Anfang an strategisch denkst.

Das Master-Format: Produziere in 16:9 (Querformat) in hoher Auflösung. Daraus lassen sich alle anderen Formate ableiten. Für Instagram Stories oder TikTok schneidest du Hochformat-Versionen, für LinkedIn passt du die Länge an.

Modularer Aufbau: Gestalte dein Video in Blöcken. Intro, drei Hauptpunkte, Call-to-Action. Diese Blöcke lassen sich für verschiedene Plattformen neu kombinieren oder kürzen.

Untertitel immer: 85% der Facebook-Videos werden ohne Ton geschaut. Untertitel sind kein nice-to-have, sondern Pflicht. Die meisten Tools können automatische Untertitel generieren – nachbearbeiten musst du trotzdem.

Platform-spezifische Hooks: Das erste Sekunden-Paar entscheidet. LinkedIn mag professionelle, wertorientierte Einstiege. Instagram Stories funktionieren mit persönlicheren, emotionaleren Anfängen. YouTube verzeiht langsamere Starts, aber nur, wenn die ersten 15 Sekunden versprechen, dass es sich lohnt dranzubleiben.

Übrigens – und das ist ein Learning aus meiner eigenen Erfahrung bei TRMD: Teste verschiedene Versionen. Ein Video, das auf LinkedIn flopping war, kann auf YouTube durchstarten. Die Algorithmen und Audiences ticken unterschiedlich.

Best Practices und Beispiele aus der Praxis

Zeit für konkrete Tipps, die den Unterschied zwischen „naja, geht so“ und „wow, das sieht professionell aus“ machen.

Der 3-Sekunden-Test: Zeig dein Video jemandem für drei Sekunden, dann stopp. Was hat er verstanden? Das sollte mindestens das Thema oder Problem sein. Falls nicht, ist dein Einstieg zu schwammig.

Konsistenz in Details: Gleiches Farbschema, gleiche Schriftarten, einheitliche Icon-Stile. Klingt pedantisch, macht aber optisch einen riesigen Unterschied. Erstell dir eine kleine Style-Guide-Notiz mit deinen Farb-Codes und Schriften.

Sound-Design nicht vergessen: Hintergrundmusik sollte dezent sein, nicht dominant. Kostenlose Tracks gibt es bei YouTube Audio Library oder Freesound. Soundeffekte sparsam einsetzen – ein kleines „Pling“ beim Erscheinen wichtiger Punkte kann helfen, ein Klangteppich nervt.

Call-to-Action, aber richtig: „Mehr Infos auf unserer Website“ ist schwach. „Klick den Link und teste das Tool 30 Tage kostenlos“ ist besser. Konkret werden, Mehrwert versprechen.

Ein Beispiel, das mich beeindruckt hat: Ein kleines Software-Startup hat mit einem simplen Screencast-Video und cleverer Vertonung eine Conversion-Rate von 23% erreicht. Keine fancy Animation, keine teure Produktion. Nur klare Problemdarstellung, einfache Lösung, ehrlicher Ton.

Was mich nachdenklich macht: Oft sind die besten DIY-Videos die ehrlichen, ungeschliffenen. Die, wo der Gründer selbst erklärt, warum er sein Produkt gebaut hat. Authentizität schlägt Perfektion – zumindest wenn die Grundlagen stimmen.

Du siehst – Erklärvideos selbst zu machen ist kein Hexenwerk. Es braucht Zeit, ein bisschen Geduld und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. Aber das Gefühl, wenn du dein erstes Video veröffentlichst und merkst: „Hey, das funktioniert wirklich!“ – das ist unbezahlbar.

Also: Plan machen, Tool auswählen, loslegen. Perfekt wird’s eh nie. Gut reicht völlig.